21.09.2026

Bezahlbares Wohnen braucht mehr Gemeinwohl – und mehr Wohnungen

Der Wahlkampf in Berlin war stark vom Thema Wohnen geprägt. Einen Tag nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin äußert sich André Meyer, Leiter des Kompetenzcenters Nachhaltige Immobilien in der GLS Bank und selbst Berliner, über die aktuellen Probleme und mögliche Lösungen.

Die Diskussion um die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen in Berlin berührt eine zentrale gesellschaftliche Frage: Wie stellen wir sicher, dass Wohnen dauerhaft bezahlbar bleibt und Boden und Immobilien dem Gemeinwohl dienen? 

Der Handlungsdruck ist real. Steigende Mieten, fehlender bezahlbarer Wohnraum und die zunehmende Konkurrenz um Grundstücke belasten viele Menschen. Der Berliner Volksentscheid und auch die aktuellen Wahlergebnisse haben deutlich gemacht, wie groß der Wunsch nach einer anderen Wohnungspolitik und nach langfristig gemeinwohlorientierten Eigentumsstrukturen ist. 

Als GLS Bank teilen wir das Ziel, Wohnraum stärker am Gemeinwohl auszurichten.
Unser Ansatz: Gemeinwohlvermögen aufbauen statt nur Eigentum übertragen.

Berlin braucht vor allem mehr bezahlbaren, klimaverträglichen und dauerhaft gesicherten Wohnraum. Dafür sollten öffentliche Mittel und privates Kapital gezielt mobilisiert werden. 

Wir sehen insbesondere vier Hebel: 

  1. Gemeinwohlorientierten Neubau massiv stärken.
    Genossenschaften, kommunale Gesellschaften, Stiftungen und andere gemeinwohlorientierte Träger können Wohnraum schaffen, der langfristig bezahlbar bleibt. Dafür brauchen sie Grundstücke, Eigenkapital und eine andere Art der Risikobetrachtung bei den langfristig tragfähigen Finanzierungen.
  2. Boden der Spekulation entziehen.
    Öffentliche Grundstücke sollten grundsätzlich nicht nach dem höchsten Preis vergeben werden. Konzeptvergaben und Erbbaurechte ermöglichen es, Boden dauerhaft in öffentlicher oder gemeinwohlorientierter Hand zu halten und gleichzeitig Investitionen in neuen Wohnraum zu ermöglichen. 
  3. Bestehende Immobilien gezielt in gemeinwohlorientierte Strukturen überführen.
    Wo Eigentümer verkaufen wollen, sollten Genossenschaften, Mieterorganisationen, Stiftungen oder kommunale Unternehmen bessere Möglichkeiten erhalten, Wohnungsbestände zu übernehmen. Dafür braucht es passende Eigenkapital-, Förder- und Finanzierungsinstrumente. 
  4. Verlässliche Rahmenbedingungen für langfristiges Kapital schaffen.
    Wohnungsbau benötigt Milliardeninvestitionen. Banken, Versicherungen, Versorgungswerke und private Anleger können einen wesentlichen Beitrag leisten. Voraussetzung dafür sind langfristig verlässliche Regeln, kalkulierbare Mieten und sichere Finanzierungsstrukturen. 

Finanzierung und Gemeinwohl sind kein Gegensatz 

Die aktuelle Debatte wird häufig auf zwei Alternativen reduziert: entweder Markt oder Vergesellschaftung. Wir halten diese Gegenüberstellung für zu eng. 

Deutschland verfügt mit Wohnungsgenossenschaften über eine seit mehr als hundert Jahren bewährte dritte Eigentumsform. Auch Stiftungen, gemeinschaftliche Wohnprojekte und andere gemeinwohlorientierte Träger zeigen, dass privates Kapital, professionelle Finanzierung und dauerhaft bezahlbares Wohnen miteinander verbunden werden können. 
Gerade diese Strukturen sollten wir erheblich ausweiten. 

Für Banken bedeutet das zugleich Verantwortung: Finanzierung sollte nicht allein danach fragen, welchen maximalen Ertrag eine Immobilie erwirtschaften kann. Entscheidend ist auch, welcher gesellschaftliche und ökologische Wert mit ihr geschaffen und langfristig erhalten wird.

Ein Denkanstoß für Berlin könnte sein:
Statt Milliarden ausschließlich für die Übertragung bestehender Wohnungsbestände einzusetzen, könnte Berlin gemeinsam mit Bund, Förderbanken, Kreditwirtschaft und gemeinwohlorientierter Wohnungswirtschaft einen großen Transformations- und Neubaupakt für bezahlbares Wohnen auflegen. 

Sein Ziel könnte sein, in den kommenden Jahren möglichst viele Wohnungen dauerhaft dem spekulativen Markt zu entziehen – durch Neubau, Ankauf und die Überführung in gemeinwohlorientierte Eigentumsformen. 

So kann aus der aktuellen Auseinandersetzung mehr entstehen als eine Debatte über Enteignung. 

Die entscheidende Frage ist nicht nur, wem die Wohnungen von heute gehören. Die entscheidende Frage ist, wie wir das Kapital zügig mobilisieren, mit dem die bezahlbaren, klimaverträglichen und gemeinwohlorientierten Wohnungen von morgen entstehen. 

Dafür braucht es starke öffentliche Partner, starke Genossenschaften, engagierte Bürgerinnen und Bürger – und Banken die bereits Erfahrung mitbringen und bereit sind, diesen Wandel zu finanzieren.