Co-kreative Ökosysteme

Was unterscheidet ein manipulierendes System von einer kreativen Kooperation und wie sehen die Zwischenstufen aus? Dazu ein Text von Katrin Käufer und Otto Scharmer aus: "Von der Zukunft her führen, Theorie U in der Praxis", Carl-Auer Verlag, 2014, Seite 208 ff, Veröffentlichung mit Genehmigung der Autoren.

Ebene 1: Unilateral, einseitig und manipulierend

Stakeholder-Kommunikation auf Ebene 1 ist unilateral, einseitig und manipuliert, statt dem Wohl des Gegenübers zu dienen. Viele der Kommunikationsstrategien im Geschäftsleben und bei Wahlkampfveranstaltungen sind auf diese Art organisiert. Marktforschung teilt Staatsbürger- und Verbrauchergemeinschaften in spezifische Zielgruppen auf, die mit speziell auf sie abgestimmten Messaging- und Kommunikationsstrategien bombardiert werden. Die Zahl der Werbebotschaften, die jeden Tag auf Verbraucher und Bürger niedergehen, ist schwindelerregend. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 1993 sieht ein US-amerikanisches Kind im Durchschnitt 20.000 Werbespots im Jahr. Ein 65-jähriger in den Vereinigten Staaten hat durchschnittlich zwei Mio. Werbesendungen gesehen.
Die einseitige Kommunikation legt den Schwerpunkt auf das „Verkaufen“, also darauf, dass das Zielobjekt etwas erwirbt oder auf eine bestimmte Weise abstimmt. Doch hat das Objekt keine Gelegenheit zu einer Gegenrede. Lobbyisten und Interessenvertretungen operieren in gleicher Weise. Ihr Einfluss beruht oft auf bevorzugtem Zugang zu Entscheidungsträgern und der Tatsache, dass andere relevante Teilnehmer von dem Gespräch ausgeschlossen sind.

Ebene 2: Bilateral, wechselseitiges Gespräch und Austausch von Standpunkten

Die Stakeholder-Kommunikation auf Ebene 2 ist eine bilaterale, wechselseitige Diskussion mit dem Ziel, Informationen auszutauschen, und beinhaltet auch ein Reaktions- und Feedbacksystem. In Märkten antwortet der Käufer durch die finanzielle Transaktion. Bei demokratischen Wahlen antwortet der Wähler durch die Abgabe der Stimme. Beides sind Beispiele für eine wechselseitige Kommunikation.

Ebene 3: Multilateral, Stakeholder-Dialog: Sich mit den Augen eines anderen sehen

Die Stakeholder Kommunikation auf Ebene 3 ist eine multilaterale Kommunikation, geprägt von Nachdenken, Lernen und Dialog. Ein Dialog ist ein Gespräch, in dem man sich selbst mit den Augen eines anderen sieht – und im Kontext des Ganzen. Es gibt vielfältige Beispiele, von „Runden Tischen“ und „Welt Cafés“ bis zu interaktiven sozialen Medien. Die Gespräche brauchen eine Form, einen Prozess und einen geschützten Raum, um gut zu funktionieren. (…)
Eosta zum Beispiel, ein internationaler Importeur von frischem Bio-Obst und –Gemüse mit Sitz in den Niederlanden, möchte, dass seine Kunden die „unsichtbaren Prozesse hinter seine Produkte sehen können. Ein Code mit drei Ziffern auf jedem ihrer Produkte führt den Konsumenten zum Erzeuger. Dieses System ist ein ausgezeichnetes Beispiel für eine Kommunikation der Ebene 3, weil es dem Kunden ermöglicht, sich im Kontext der gesamten Wertekette zu sehen. (…)
Am Ende führen alle diese Ansätze zum gleichen Resultat: Sie helfen Stakeholdern in einem System, sich in einem System, sich im Kontext der übrigen Stakeholdern und des Ganzen zu sehen. Sie biegen den Strahl der Aufmerksamkeit auf verschiedene Weisen, die diesen Gemeinschaften helfen, sich selbst als Teil eines größeren Bildes zu sehen.

Ebene 4: Co-kreative Ökosystem-Innovation: Die Grenze zwischen Ego und Öko verwischen.

Die Stakeholder-Kommunikation auf Ebene 4 ist eine multilaterale, kollektiv-kreative Ökosystem-Diskussion, die diversen Gruppen von Akteuren hilft, die Zukunft gemeinsam zu erspüren und zu gestalten, indem man das Bewusstsein von Ego zu Öko transformiert. Zu den Beispielen zählen transformative Multistakeholfer-Prozesse wie die World Commission on Dams (Welttalsperrenkommission) und das Sustainable Food Lab. Die Ergebnisse dieser Prozesse liefern nicht nur erstaunliche Resultate mit Durchbruchqualität, sondern auch eine Verlagerung hinsichtlich der geistigen Haltung und des Bewusstseins vom Egosystem-Bewusstsein zum Ökosystem-Bewusstsein – also von einer Einstellung, die das eigene Wohl wertschätzt, zu einer Einstellung, die auch das Wohl der Partner und des großen Ganzen wertschätzt.

Weiteführende Seiten

Huffington Post
ottoscharmer.com
presencing.org