In der Krise steckt auch eine Chance – die der sorgfältigen und kritischen Analyse sowie der entschiedenen Durchsetzung von langfristig wirkenden Gegenmaßnahmen. Oberstes Ziel muss dabei die Rückbesinnung der Finanzwirt-schaft auf ihr eigentliches Kerngeschäft sein: die Finanzierung der Realwirtschaft. Unter dieser Voraussetzung schlagen wir als GLS Bank ein Maßnahmenpaket zu einer Neuordnung der Rahmenbedingungen vor:
1. Differenzierter Umgang mit Regulierung
Finanzdienstleistungen, die unmittelbar der Realwirtschaft dienen – also wirt-schaftliche, gemeinnützige und kulturelle Aktivitäten finanzieren – werden aktuell durch starke Regulierungen erschwert. In diesem klassischen Bankge-schäft ist eher eine Deregulierung notwendig. Einige derivate Finanzinstrumente dienen der Realwirtschaft mittelbar, z.B. bei der Absicherung von Zinsände-rungs- und Währungsrisiken. Sie sind durch Standards zu regulieren. Zu unter-scheiden sind diese von rein spekulativen Derivaten wie Leerverkäufe, die schlichtweg zu verbieten sind.
2. Größe einzelner Banken
Finanzinstitute oder spezielle Produkte dürfen in ihrer absoluten Größe oder Struktur weder global noch national systemgefährdend sein. Begrenzende Kenn-ziffern sind gefragt, wie etwa das maximale Verhältnis der Bilanzsumme einer Bank zum Bruttosozialprodukt eines Landes.
Die Daumenregel „too big to fail“ hat Institute bisher dazu angeregt, überpro-portional zu wachsen und zugleich extreme Risiken in Kauf zu nehmen. Aus dem Fall in Island sollten Lehren gezogen werden und Finanzdienstleister ihre Größe, Geschäfts- und Risikopolitik überdenken. Das Gegenteil ist jedoch der Fall wie die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank beweist. Bereits eine der beiden Großbanken kann bei einem Zusammenbruch systemgefährdende Auswirkungen haben. Fusioniert man nun beide Banken, vergrößert man möglicherweise das Problem.
3. Erfassung der Vermögensinflation
Bei den Vermögenswerten, insbesondere bei Grund und Boden, Immobilien, Aktien und Rohstoffen, ist aktuell eine enorme Inflation zu beobachten. Die extremen Wertschwankungen haben zu erheblichen realwirtschaftlichen Ver-zerrungen geführt – auch mit deutlich negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen. Es besteht seit vielen Jahrzehnten eine globale Übereinkunft, dass Inflation bei Gütern und Dienstleistungen bekämpft und durch unab-hängige Notenbanken gemessen, kontrolliert und gesteuert werden soll. Es ist dringend erforderlich, dass für die Inflation bei den Vermögenswerten Vergleichbares geschieht.
4. Rating-Agenturen und Transparenz
Rating-Agenturen sollten nicht mehr in die Entwicklung von Finanzprodukten eingebunden werden. Zudem sollten sie verpflichtet sein, neben der monetären Bonitätsprüfung auch Aussagen darüber zu machen, wie Investitionen realwirt-schaftlich verwendet und welche sozialen und ökologischen Rahmenbeding-ungen dabei berücksichtigt werden. Dieser Regelung muss eine entsprechende Transparenzverpflichtung für Banken und Finanzinstitute gegenüberstehen.
5. Offshore-Finanzplätze
Die Offshore-Finanzplätze müssen geschlossen bzw. ausgegrenzt oder in einen neuen Rahmen eingebunden werden.
6. Bildungs- und Aufklärungskampagne
Um eine Kehrtwende am Finanzmarkt zu bewirken sind nicht nur Politik und Finanzinstitute gefragt, sondern auch ein kritisches Bewusstsein der Kunden, das neben kurzfristigen, rein renditeorientierten Anlagekriterien auch nachhaltige ökonomische wie soziale und ökologische Entwicklungen berücksichtigt. Eine breit angelegte Aufklärungskampagne könnte dazu beitragen.
Die Krise birgt ohne Zweifel die Chance zur Veränderung. Doch diese will auch ergriffen werden. Ein gesellschaftliches Umdenken ist bereits in Gang gesetzt. Nun gilt es, von Seiten der Politik und Finanzwirtschaft wirkungsvolle Maßnahmen für einen nachhaltigeren Finanzmarkt umzusetzen.
Aktuelle Wettbewerbsverzerrungen bei Zinskonditionen
Seit Ausbruch der Finanzmarktkrise erlebt der existentielle Konditionswettbewerb unter den Finanzdienstleistern aufgrund des Bedarfs an Liquidität eine Fortsetzung. Enorme Wettbewerbsverzerrungen sind die Folge. Abweichend vom Marktzins bieten Banken z.T. extrem hohe Einlagenzinsen.
Dahinter verbergen sich zwei mögliche Erklärungen.
Erstens: die Konditionen dienen als Lockangebot, d.h. sie gelten nur für Neukunden und neu angelegtes Geld sowie einen begrenzten Zeitraum. Anschließend werden die Kunden aggressiv beworben, um mit Folgegeschäften Gewinne zu erzielen.
Zweites Szenario: Die Zinsen spiegeln den Risikoaufschlag des Interbankenmarkts wider. Da sich die betreffenden Banken aufgrund des Vertrauensverlusts nicht bzw. nur zu einem hohen Zins refinanzieren können, sind sie auf Kundeneinlagen angewiesen, um die Liquidität sicher zu stellen.
Pressekontakt
Christof Lützel
Pressesprecher/Leiter Öffentlichkeitsarbeit
GLS Bank
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